Im Januar 2020 haben Sie mit den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben eine neue CD mit den Kantaten 1-6 aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium BWV 248 aufgenommen. Warum haben Sie sich mit dem Weihnachtsoratorium für eines der meistgespielten Werke Johann Sebastian Bachs entschieden?

Die Aufnahme des Weihnachtsoratoriums ist Teil eines größeren Projektes. Ich habe mir vorgenommen, mit dem Hymnus die vier oratorischen Großwerke Bachs – die Johannes-Passion, das Weihnachtsoratorium, die Matthäus-Passion und die h-Moll-Messe – aufzunehmen. Die Johannespassion haben wir 2016 vorgelegt; das Weihnachtsoratorium war jetzt das zweite Werk in diesem Plan. Es erschien aus Sicht des Hymnus denkbar, das Stück wieder aufzunehmen, nachdem die letzte Aufnahme 1983 unter Leitung von Gerhard Wilhelm stattgefunden hat und wir nun im Unterschied dazu mit historischen Instrumenten agieren. Wir können damit eine zeitgemäße Interpretation des Stückes vorlegen. Das soll nicht heißen, dass die eine besser und die andere schlechter ist, sondern dass es nach 40 Jahren einfach anders klingt.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Projekt, alle vier großen Chor-/Orchesterwerke von Johann Sebastian Bach aufzunehmen?

Wir möchten deutlich machen, dass der Hymnus zu den musikalischen Ensembles Deutschlands gehört, die nennenswerte Beiträge zur Interpretationsgeschichte dieser Werke leisten können. Unsere Mission dabei ist, mit jungen Leuten Musik zu machen, die wirkliche Qualität hat. Das wird bei Bach deutlich – es muss aber natürlich nicht zwingend nur Bach sein.

Was ist für Sie persönlich das Besondere an Bachs Werken?

Das Besondere am Werk Bachs ist, dass es hochkomplexe Musik ist, die jemand komponiert hat, der selber von Beruf Knabenchorleiter war. In Bachs Fall waren das die Thomaner. Er

hat also einerseits sehr abstrakt gedacht und andererseits musikalische Figuren erfunden, die ganz jungen Leuten einleuchten. Die musikalischen Formeln Bachs eignen sich als Gassenhauer und können auch an der Bushaltestelle gesungen werden – und sind trotzdem Teil eines hochkomplexen Gebildes. Das ist das Faszinierende an Bachs Musik, auch speziell für einen Knabenchor. Aus diesem Repertoire zu schöpfen ist ein wichtiger Teil der Chorarbeit. Und dies in Aufnahmen zu dokumentieren – zumal wir das Weihnachts-oratorium mehrfach jährlich aufführen – zeigt, dass wir leben

Das Orchester, mit dem die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben bei diesem Projekt zusammenarbeiten - Handel´s Company - haben Sie 1999 selbst gegründet. Was bedeutet es Ihnen, für diese Aufnahme beide Ensembles für eine CD-Produktion zusammenzuführen

Ich sehe dies als eine ideale künstlerische Partnerschaft, weil die Kollegen von Handel’s Company die musikalische Leistung der Chorknaben hochgradig schätzen.

Gleichzeitig nähern wir uns dem Originalklang Bachs nicht nur im Instrumentarium, sondern auch dadurch, dass ein Knabenchor singt, wie das bei Bach auch der Fall war. Aus dieser vertrauensvollen Zusammenarbeit und sich gegenseitig inspirierenden künstlerischen Partnerschaft entsteht eine besondere musikalische Situation, die man in der Aufnahme hören wird.

Welche Auswirkungen hat diese musikalische Konstellation auf den Chorklang?

Im Vergleich zu einem modernen Orchester sind wir einen halben Ton tiefer. Dadurch sind die Bruchlagen der Singstimmen an anderer Stelle zu finden, womit es für den Chor einfacher wird. Außerdem fallen die Darmseiten der Streichinstrumente, aber auch die historischen Bläser, eher durch Farbe als durch Klangstärke auf. Dadurch kann der Chor insgesamt entspannter sein und gelassener gestalten.

Wir arbeiten schon seit ich Chorleiter bin mit historischen Instrumenten. Die Chorknaben recherchieren sehr genau, was andere Chöre tun, und verstehen daher, dass eine zeitgemäße Interpretation der alten Musik beim musikalischen Partner auch alte Instrumente voraussetzt – wie bei allen großen Knabenchören. Insofern fühlen sie sich da in guter Gesellschaft.

Die Terminierung eines solchen Aufnahmeprojektes mit so vielen Beteiligten in Chor, Orchester und bei den Solisten erfordert eine besonders gute logistische Planung. Vor welche Herausforderungen sahen Sie sich gestellt?

Wir hatten einen Planungsvorlauf von ungefähr zwei Jahren. Die gesamte Planung des Jahres hängt davon ab, bis wann etwas auf welchem Niveau erarbeitet sein muss. Für uns hieß das, im November und Dezember für ausreichend Zeit zu sorgen, um das Weihnachtsoratorium wirklich gut vorzubereiten. Es muss demnach die gesamte Konzertplanung der Saison darauf abgestimmt sein, diese Aufnahme zu realisieren, denn wenn man im Dezember zu viele verschiedene Programme singen will, ist es natürlich sehr viel schwieriger, gut vorbereitet in so eine Aufnahme zu gehen.

Auch die Zusammenstellung des Orchesters und das Engagieren von Solisten muss mit ausreichend Vorlauf geschehen, weil wir neben der Aufnahme Anfang Januar seit dem 19. Dezember auch zwei Vorkonzerte hatten mit den entsprechenden Proben. Das bedeutet, man muss die Kollegen für drei Wochen mehr oder weniger komplett buchen können. Das ist in dem Metier nicht selbstverständlich.

Logistisch herausfordernd ist es, für die 64 Nummern – die durchaus unterschiedlich besetzt sind – an den einzelnen Aufnahmetagen immer diejenigen Musiker vor Ort zu haben, die gerade gebraucht werden. Es nützt ja nichts, wenn die Hörner da sind, man aber eine Nummer mit Trompeten aufnehmen möchte.

Am Ende bleiben von den jeweils neun Aufnahmestunden an sieben Tagen nach einem Abstimmungsprozess zwischen Dirigenten und Tonmeister nur drei Stunden übrig.

Wie schwierig war es, die Konzentration der Knaben über den Zeitraum der sicherlich kräftezehrenden Aufnahmesitzungen hinweg aufrechtzuerhalten?

Insgesamt 120 Leute haben an der Aufnahme mitgewirkt, davon knapp 90 Knaben zwischen 10 und 28 Jahren. Der eigentliche Akt der Aufnahme ist physisch und psychisch anstrengend für alle Beteiligten.

Die größten Herausforderungen, wenn man mit jungen Leuten Musik macht, liegen generell darin ihnen zu vermitteln, dass man Dinge wiederholen muss. Das ist ihnen nicht selbstverständlich. Die denken: Ich mache das einmal, und dann ist es doch gut. Wenn man Vieles in einem Probenprozess sowieso schon umgesetzt hat und kommt danach zu einem Aufnahmeprozess – in dem nicht nur der Chor, sondern auch das Instrumentarium begleitend beschäftigt ist -, kommt es zu vielen Wiederholungen, die ja noch nicht einmal immer vom Chor zu verantworten sind. Einzusehen, warum dieser Prozess wichtig ist, ist für Zehn-, Elfjährige schwierig. Da muss ich vermitteln – und das in einer Situation, in der wir eigentlich die Zeit dafür nicht haben.

Worin sehen Sie den Wert dieses Projektes für die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben

Da eine Knabenstimme sehr vergänglich ist, hat es einen großen Wert für das Leben der Sänger, dieses Aufnahmedokument für den Rest ihres Lebens in Händen zu haben. Die Stücke, die sie in einem solchen Zusammenhang gesungen haben – mit all den Wiederholungen -, können sie richtig gut singen. Teil eines solchen Projektes zu sein, hat für die Knaben eine große Bedeutung, selbst, wenn sie dann am Ende vielleicht gar keine Musiker werden.

Was war das schönste Erlebnis für Sie während der Aufnahmetage?

Das Schönste war mehr ein Kontinuum, nämlich die durchgängig künstlerisch ausgesprochen produktive Atmosphäre. Es kam eine ganze Reihe von echten Charakteren zusammen – sowohl bei den erwachsenen Orchestermusikern als auch bei den jungen Sängern -, die sich gegenseitig herausgefordert haben, ihr Bestes zu geben. Das ist durchgehend geglückt. Ich hatte immer den Eindruck, dass alle nach Kräften daran gearbeitet haben, dass dies ein Erfolg wird.

Wie wird ein solches Projekt wie eine CD-Aufnahme überhaupt ermöglicht

In diesem Falle war das Projekt das Ergebnis einer allgemeinen Entwicklung. Der Chor wird getragen vom evangelischen Kirchenkreis Stuttgart. Er hat daneben eine Reihe von institutionellen Förderungen – vom Land Baden-Württemberg, von der Stadt Stuttgart – und er wird regelmäßig vom eigenen Förderkreis und von der Stiftung der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben unterstützt. Das ist die Grundlage unserer Arbeit. Dazu kommen Konzerteinnahmen und gelegentliche Spenden von verschiedensten Institutionen und Firmen. In diesem Bereich ist in letzter Zeit tatsächlich eine Erweiterung zu verzeichnen gewesen. Insbesondere die Anton & Petra Ehrmann-Stiftung als auch die Lechler Stiftung wie auch die Ferry Porsche-Stiftung haben sich bei uns sehr engagiert und dem Chor auf diese Art geholfen, diese Aufnahme umzusetzen. Hierfür sind wir sehr dankbar.

Das Interview wurde geführt von Cultural Affairs.

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